{"id":2040,"date":"2020-12-30T13:08:52","date_gmt":"2020-12-30T12:08:52","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.elmeri.ch\/?p=2040"},"modified":"2021-01-05T22:45:42","modified_gmt":"2021-01-05T21:45:42","slug":"down","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.elmeri.ch\/?p=2040","title":{"rendered":"Game Over"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein weiterer nahrhafter Dienst liegt hinter mir. Einer meiner gef\u00fchlt strengsten. Emotional.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Tag betreue ich den selben COVID-19 positiven Patienten wie am Vortag. Meine Kolleginnen und ich sind inzwischen routiniert in der Zusammenarbeit. Wir konzentrieren uns innerhalb des Viererzimmers auf unsere jeweiligen Patienten. Die Bauchlage der Patienten geh\u00f6rt mitunter zur Therapie f\u00fcr die Betroffenen. In unserem Spital werden nicht nur die inutbierten und somit im k\u00fcnstlichen Schlaf gehaltenen Patienten repetitiv f\u00fcr 16 Stunden auf dem Bauch gelagert, sondern auch diejenigen in Spontanatmung am Highflow Sauerstoff. Letztere allerdings nicht 16 Stunden am St\u00fcck. Ohne medikament\u00f6se Hilfe schafft das keiner.Mein Patient ist im Rahmen seiner Erkrankung stabil und wir m\u00fcssen ihm die Zeit f\u00fcr die Heilung seines K\u00f6rpers geben. Das Gras w\u00e4chst bekanntlich nicht schneller, wenn man daran zieht. So ist das auch mit dem Genesungsprozess bei COVID-19 Erkrankten. Und total nicht unserem bisherigen Denken von &#8220;weiter, h\u00f6her, schneller&#8221; entsprechend werden wir hier zur Langsamkeit gezwungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Zimmer nebenan ist es laut und hektisch. Die Patienten dort sind nicht alle in stabilem Zustand. Instabilit\u00e4t kann viele Gesichter haben. Das reicht von akuten Fiebersch\u00fcben aufgrund einer neu aufgetretenen Entz\u00fcndung -irgendwo im K\u00f6rper- \u00fcber Kreislaufinstabilit\u00e4t bis hin zur Lebensbedrohlichen Atemnot. Meine KollegInnen sind gefordert. Und mittendrin kommt es zum Therapieabbruch. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Therapieabbruch entspricht dem ausschalten der lebenserhaltenden Massnahmen. Ein Patient wird uns in den n\u00e4chsten Stunden f\u00fcr immer Verlassen. Eine trauernde Familie wird bleiben. Die Patienten wie auch deren Angeh\u00f6rigen werden durch uns Pflegefachkr\u00e4fte unterst\u00fctzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Therapieabbruch bekomme ich im Rahmen der Pausenplanung (wer geht wann zum Essen) nur am Rande mit. W\u00e4hrend meine Kolleginnen in der Pause sind, ben\u00f6tige ich ein Medikament f\u00fcr meinen Patienten und hoffe, dies im benachbarten Zimmer zu finden. Durch die Verbindungst\u00fcre husche ich hin\u00fcber in das and\u00e4chtig ruhige Zimmer. Nichts von der Hektik, zwei Stunden zuvor ist zu sp\u00fcren. Ein kurzer Blickkontakt mit meiner Kollegin sagt mir, dass es hier und jetzt ums sterben geht. Ich kenne ebendiesen Patienten. Da sitzen Angeh\u00f6rige am Bett und halten seine Hand. Er atmet leicht schnappend und dennoch ruhig. Das Beatmungsger\u00e4t wurde ausgeschaltet. Auf diesem letzten Weg gehen die Patienten ganz alleine. Sie atmen ihre letzen Atemz\u00fcge und wenn dieser aufgeh\u00f6rt hat, wird auch das Herz stillstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es trifft mich, ihn beim sterben zu sehen. Es trifft mich, die Angeh\u00f6rigen an seinem Bett sitzen zu sehen. Urpl\u00f6tzlich wird mir bewusst, dass ich eine der letzten Personen war, die vor der Intubation mit ihm gesprochen hatte. Ich weiss nicht, wie viele Tage es her ist seit der Inubation. Eine Woche, vielleicht zehn Tage. Ich weiss es nicht. Es trifft mich. Den Tr\u00e4nen nahe verlasse ich das Zimmer. Die Trauer \u00fcberkommt mich. Ein kurzer Moment&#8230; weinen mit der FFP Maske ist Scheissanstrengend! Und da liegt mein anderer Patient, der jetzt meine Hilfe und Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigt. Da ist diese Aufgabe, die ich jetzt zu erledigen habe. Und diese nehme ich wahr. Ich gebe mein bestes. Im Rahmen meiner M\u00f6glichkeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Dienst\u00fcbergabe zur Nachtschicht wird ein Neueintritt angek\u00fcndigt. Es h\u00f6rt nicht auf. Kaum ist ein Bett frei, ist der Platz auch schon wieder belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause \u00fcberkommt mich die Ohnmacht. Die Trauer. Die M\u00fcdigkeit. Ich f\u00fchle mich ausgelaugt. Die Tage und Wochen vermischen sich ineinander. Es ist ende Dezember 2020. Eine anstrengende Arbeitswoche liegt hinter mir. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor mir liegen f\u00fcnf Freitage. Ich freue mich nicht. Irgendwie ist alles gleichg\u00fcltig. Ich bin unsagbar m\u00fcde. Der Kopf f\u00fchlt sich &#8220;matschig&#8221; an -und der K\u00f6rper auch. Ich weiss, mein K\u00f6rper und mein Kopf werden sich davon erholen. Doch heute an diesem ersten freien Tag ist da noch alles &#8220;matschig&#8221; und matt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich vermute, dass es vielen von meinen direkten und indirekten ArbeitskollegInnen genauso oder \u00e4hnlich ergeht. Egal in was f\u00fcr einer Instituion diese Menschen arbeiten. Sie leisten grossartiges. Stellen ihre pers\u00f6nliche Bed\u00fcrfnisse zur\u00fcck. Danke an Euch tapferen, standhaften Pflegefachleute! Gemeinsam leisten wir dieser Wochen und Monate Unmenschliches! Meine Anerkennung f\u00fcr euch Alle!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4 guet\u00e4 Rutsch &amp; blybed xund!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein weiterer nahrhafter Dienst liegt hinter mir. Einer meiner gef\u00fchlt strengsten. Emotional. An diesem Tag betreue ich den selben COVID-19 positiven Patienten wie am Vortag. Meine Kolleginnen und ich sind inzwischen routiniert in der Zusammenarbeit. 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