Ein etwas anderer Beitrag

Aus gegebenem Anlass erlaube ich mir heute, Euch auf eine kleine Rundreise in mein Arbeitsgebiet im Spital mitzunehmen. Erzählung von der COVID-19 Front.

Die Zeit ist reif, dass meine Erfahrungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für mich und für all meine BerufskollegInnen, die sich da draussen Tag für Tag, Schicht um Schicht den Arsch aufreissen und um das Überleben der Patienten kämpfen. Egal wie Wertschätzend wir am Bett empfangen werden.

Damit diejenigen, die mich nicht persönlich kennen, hier ein kurzer Abriss zu meinem Werdegang und Berufung.
Nach der Ausbildung zur dipl. Pflegefachfrau HF hängte ich baldmöglichst das Nachdiplomstudium in Anästhesiepflege an. Dieses schloss ich 2005 ab und begab mich daraufhin in ein 10monatiges Sabatical.
Nach meiner Rückkehr in die Schweiz begann ich im Beruf der dipl. Anästhesiepflege NDS HF Erfahrungen zu sammeln und mit knapp 4 Jahren Berufserfahrung wurde ich Freelancerin. Dieser Lifestyle ermöglichte mir ein ausgewogenes Leben mit Reisen und Arbeiten. Arbeitstechnisch kam ich in der Schweiz umher und somit sind es bis Dato über 25 Kliniken und Spitäler die ich auf diese Art kennenlernen durfte. Auch die Schweiz und ihre Vielfalt habe ich kennengelernt. Und nicht zu vergessen die Menschen im klinischen Berufsalltag, von denen manch einer zu einem FreundIn wurde.

Meine Arbeit in der Anästhesiepflege hatte mich anfang April in ein Zentrumsspital der Schweiz geführt. Und ich bin immer noch da -und werde es auch noch ein paar Monate sein. SARS-COV-2 sei Dank. Sozusagen.

Eine neue Arbeitsrealität

Viele von uns Anästhesiepflegefachkräften sind Jahre bzw. Jahrzehnte von der „Pflege am Bett“ weg. Wir haben das Ding ja mal von der Pike auf gelernt, doch in diesem Ausmass ist das in unserem Arbeitsalltag fremd. Als dipl. Anästhesiepflegefachkräfte NDS HF arbeiten wir im Operationssaal Hand in Hand mit dem zuständigen Facharzt. Wir handeln im Rahmen unserer Kompetenzen frei. Medikamente (z.B. Schmerztherapie) ordnen wir selbständig an und setzen diese um. Wir sind während einer OP dafür da, dass die Vitalzeichen (Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung im Blut, Narkosetiefe und Beatmungsparameter) permanent überwacht werden. Daneben müssen wir das Operationsfeld im Auge behalten und dort feststellen, wie stark die Wunde blutet und dann ggf. entsprechende Massnahen ergreifen. Der zuständige Arzt ist immer telefonisch erreichbar und in kritischen Fällen steht er/sie uns stets zur Seite.

Die hohen Fall -und Belegungszahlen füllten im März die Betten in den Spitälern. Die zweite Welle im Herbst erreichte uns mit ungeahnt starker Wucht und Geschwindigkeit. Die operativen Kapazitäten (geplante chirurgische Eingriffe) wurden wiederum auf ein Minimum reduziert, weil Personalresourcen für die Betreuung schwerstkranker Patienten auf der Intensivstation benötigt wurden. Weil Anästhesiepflegefachkräfte im Alltag mit dem künstlich beatmeten Patienten zu tun haben, wurden wir auserwählt, unsere KollegInnen auf den Intensivstationen zu unterstützen und somit zu entlasten.
Da stehen wir autonomen Spezialisten nun am Pflegebett beim Schwerstkranken Patienten. Am ersten Arbeitstag in der Intensivstation kenne ich weder das Haus, noch das Team, noch ist mir mein Arbeitsumfeld vertraut. Plötzlich muss ich mich von Kopf bis Fuss (von Magensonde bis Fäkalkollektor) um sämtliche Körperfunktion meines COVID Patienten kümmern. Mal abgesehen davon, dass ich jederzeit die Medikamentenpumpen und Infusionen im Auge behalten muss, damit kein Medikament zu Ende ist, ehe eine neue Dosis bereit liegt. Das kann bei Kreislaufstützenden Medikamenten fatale Folgen haben! Ganz beiläufig werden ständig sämtliche Vitalzeichen des Patienten auf dem Monitor aufgezeichnet und bei grösseren Schwankungen gibt dieser wiederum Alarm. Nebenher muss ich die Bedarfsmedikation und speziellen Therapien „auf dem Radar“ haben und letztere möglichst im Zeitplan applizieren.

Nun sind wir mitten im pflegerischen Alltag einer hochkomplexen Intensivmedizinischen Situation. Und ich habe Verrichtungen wie Körperpflege, Mundhygiene oder Physiotherapie noch gar nicht thematisiert.

Diese Dienste in der Intensivstation sind äusserst Nahrhaft und für ansonsten sehr selbständig arbeitende Pflegefachkräfte mässig befreidigend. Die Abläufe sind unbekannt, man weiss nicht wo Hilfsmaterial gefunden werden kann etc. In so vielen Bereichen müssen wir uns Hilfe und Unterstützung holen. Hinzu kommt die Belastung, dass viele der an COVID-19 erkrankten Patienten nie wieder aus dem künstlichen Schlaf aufwachen werden. Sie und ihre Angehörige haben keine Chance in diesem Setting Abschied zu nehmen. Oftmals müssen die Erkrankten innerhalb kürzester Zeit intubiert und in dessen Folge künstlich beatmet werden. Weil deren Zustand derart kritisch ist, sind lange Abschiedsgespräche nicht möglich -davon abgesehen, dass die Patienten in diesem Stadium keinerlei Sauerstoffreserven haben um ein angemessenes Gespräch führen könnten.

So vergehen die Tage, Wochen und Monate. Von Juni bis anfang November hatte ich -wie Alle meine direkten Arbeitskollegen- etwas mehr Wohlbefinden im gewohnten Anästhesiologischen Umfeld. Die Sommermonate waren nie so streng wie 2020 und in keinem Juli zuvor wurde in der Schweiz mehr operiert als Heuer. Ok, ob das Statistisch auch wirklich so ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Tatsache ist, dass wir keine Sommerpause hatten und ich im Juli knapp 200 Arbeitsstunden leistete. Ich war nicht die einzige in unserem Haus.

Mit dem Ende des Septembers kam das kühle Herbstwetter. Die Abende waren nicht mehr lau und die Aktivitäten im Freien nahmen rapide ab -und somit verbrachten die Menschen wieder mehr Zeit in Ihren Wohnungen und Häusern und bei andersweitigen Indoortätigkeiten. Der Bundesrat erlaubte im Rahmen der Lockerungsmassnahmen vom Frühling 2020 per 1.Oktober wieder Menschenansammlungen bis 1000 Personen. Das stimmte optimistisch. Bis in der zweiten Oktoberhälfte die Anzahl der COVID-19 Infektionen sprunghaft anstieg. Die erkrankten und hospitalisierten Coronakranken im Frühjahr schienen ein Witz gegen die Wucht der zweiten Welle. Hand aufs Herz, auch ich habe nicht mit einem derartig massiven Anstieg gerechnet. Und schwuppdiwupp… Die Isolationsstationen in den Spitälern füllten sich zügig und etwas Zeitversetzt auch die Intensivstationen.

COVID Patient in Bauchlage

Da waren die Anästhesiepflegefachleute wieder in Ihrer Sonderfunktion. Nein, wir mögen diese Rolle immer noch genauso wenig wie im Frühjahr. Von jetzt auf subito waren wir wieder eingeplant auf der Intensivstation und das heisst nicht nur pflegen, waschen, für Sicherheit des Patienten sorgen, Therapien und Medikamente Fach- und Zeitgerecht verabreichen etc. sondern auch wieder Dauernachtschichten schieben. Ich brachte es innerhalb 28 Tage auf stolze 16 Nachtschichten (nein, das war kein Wunsch). Nacht für Nacht für Nacht stand ich mit einer FFP 2 Maske wachend und aufpassend am Bett eines Schwerstkranken. Die Arbeit gewissenhaft verrichtend und sich möglichst nicht ablenken lassen vom Therapieabbruch im Bett nebenan. Zur körperlichen Müdigkeit kam auch schnell wieder die psychische Belastung. Alles, was man für den Menschen getan hat, war nicht gut genug. Man muss Ihn oder Sie „ziehen lassen“.

Tag um Tag habe ich geschlafen. Mich bemüht, an meinen Freitagen wieder etwas in den normalen Rhytmus zu kommen, das mir einfach nicht gelingen wollte. Abends zwischen 19-20h schlief ich im sitzen auf der Couch ein. Ich habe kein Fernseher und ich bin kein Couchschläfer. Passiert. Ausser Kontrolle. Genauso ausser Kontrolle war der Nachtschlaf. Um 22h war ich hellwach und zog das Ding durch bis morgens um 4 oder gar 5.30h -bis ich mich dann hinlegte und mir 5-6 Stunden Schlaf „einverleibt“ hatte. Und dann stand schon die nächste Nachtschicht an und alles begann von vorne. Meinen vorerst letzten Nachtdienst hatte ich vom 2. auf den 3. Dezember. An meinem freien Tag 14d später hatte ich zum ersten mal seit 6 Wochen das Gefühl, dass mein Körper wieder richtig ausgeruht ist und kein Schlafmanko mehr hat, sprich, ich kam endlich wieder problemlos vor 9Uhr aus den Federn.

Manchmal werde ich im Non-COVID Teil der Intensivstation eingesetzt. Dort findet sich dann alles vom schweren Fahrradunfall über die Hirnblutung zum frischen Herzinfarkt bis hin zum Patienten im septischem Schock mit drohendem Multiorganversagen.
Da habe ich erlebt, was es bedeutet, wenn Patienten Gewalt am Pflegepersonal anwenden. Ein Patient hat sich selbst gefährdet und bei mein lebenserhaltendes Aufpassen hat er mit Kneifen, einer Backpfeife und einer Morddrohung quittiert. In solchen Momenten fühle ich mich Hilflos -und ich bin sicher, so geht es auch meinen Arbeitskollegen, die solche Übergriffe erfahren. Solche Situationen sind weder für den Patienten noch für mich als Pflegefachkraft befriedigend.

Am nächsten Abend stehen wir wieder da. Am selben Bett. Um erneut unser bestes zum Wohlergehen dieses Patienten zu geben. Nacht für Nacht. Tag für Tag. Woche um Woche. Und inzwischen Monat für Monat.

Das könnte interessant sein Powered by AdWol Online Werbung

Game Over

Ein weiterer nahrhafter Dienst liegt hinter mir. Einer meiner gefühlt strengsten. Emotional. An...

Schön wars! Danke Nordland

  Der Frühling naht. Wenigstens anhand der länger werdenden Tage ist dies zu vermuten. Die...

Bali

Meine Lieben Vor gut einer Woche bin ich hier auf Bali angekommen. Die ersten vier Tage hatte ich...

Digiprove sealCopyright secured by Digiprove © 2020

7 Gedanken zu “Ein etwas anderer Beitrag

  1. Liebe Susan
    So Berichte wie deine gehen einem sehr ans Herz und ich weiss,was Du/Ihr auf den Stationen leistet. Viel Verantwortung, wenig Schlaf und mit allen Sinnen dabei. Ich verstehe, dass das eine riesige Herausforderung ist. Und das über einen langen Zeitraum. Ich weiss, dass Du mit vollem Einsatz und viel Herz dabei bist. Solche Leute wie Dich brauchen wir im Moment sehr im Pflegealltag. Viel Kraft, Energie, genügend Schlaf und einfach nur das Beste und gute Gesundheit.
    Heb dir Sorg. Herzliche Grüäss nen

  2. Liebe Christine
    Danke für deinen Zuspruch. Die grosse Resonanz, auf diesen Artikel stimmt mich zuversichtlich, dass die Leute langsam begreifen, dass es nicht unendlich lange so weitergehen wird.

    Ich hoffe, dir geht es gut und kommst im Rahmen deiner Arbeit gut über die Runden?!

    Umarm`dich zurück. Und ja, wir werden feiern, wenn wir überstanden und überlebt haben. Halt durch! SUSAN

  3. Danke Franz!
    Teilen dieses Artikels ausdrücklich erwünscht.

    Es ist mir ein Anliegen, dass die Leute „da Draussen“ wissen, was bei uns abgeht. Diesen „Käfer“ wünschst du niemandem. Der Cheib ist Heimlifeiss. Ich wünsche mir sehnlichst, dass alle über die Weihnachtstage in ihren vier Wänden entschleunigt haben und sich auch über Silvester/Neujahr an die Regeln halten. Wenn mitte Januar die Fallzahlen -und somit zwangsläufig auch die Anzahl der stationären Patienten ansteigen- kollabiert das System. Im Gegensatz zum Frühjahr haben wir ausreichend Schutzmaterial, doch hoffnungslos zu wenig Personal „an der Front“.
    Und ja, Kraft kann ich und meine KollegInnen gut gebrauchen. Noch lieber wäre uns, dass sich gopfridstutz auch der hinterste und letzte an die „Anstands Regeln“ hält.
    Ä guäts Nüüs, Elmeri

  4. Danke für deine Anerkennung Sabrina. Wie im Artikel erwähnt, ich bin nicht glücklich ob der Situation. Doch was bleibt uns übrig?!
    Dir auch einen guten Rutsch! Bleib gesund, Susan

  5. Hallo Susann, sehr eindrucksvoller Artikel.
    Ich kann aus deutscher Sicht einer Fachschwester nur zustimmen!
    Auch ich bin seit Jahren in der Anästhesie tätig, darf die nächsten Monate auf einer Intensiv arbeiten.
    In Deutschland sind wir aber in beiden Bereichen An/ITS weitergebildet .Ein kleiner Vorteil ;-),dafür sind wir in der Anäs nicht so selbständig wie ihr in der Schweiz.
    Egal welches Land, in jedem stehen die Pflegekräfte an der Front und rackern sich ab um das überleben, weiterleben oder auch leider das ableben so angenehm wie möglich zu machen.Leider fehlt es immer noch an der Wertschätzung.
    Ich wünsche dir viel Kraft, genügend Erholung und auch viel Gesundheit.
    Ich drücke dich virtuell und halte durch.
    Ein gesundes, neues Jahr.
    LG
    Christine

  6. Ein eindrucksvoller Text. Hut ab vor deiner/euer aller Leistung. Schade einfach, dass immer noch viele denken, Corona sei ein Märchen oder doch gar nicht so schlimm.

    Ich wünsche dir bei deiner Arbeit viel Kraft und dass bald wieder der Normalzustand eintritt. Geniesse, falls du kannst, die Festtage und starte gesund in ein hoffentlich besseres, neues Jahr.

  7. Hallo meine Liebe danke für deinen Einblick und Hut ab für eure Leistung ich wünsche dir ein frohes Fest und ein gesunden Rutsch ins neue Jahr bleib gesund und ruh dich schön aus sei lieb gegrüßt aus Rostock deine ehemals Einsatz Kollegin Sabrina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.